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Wie gut verkraften Karpfen C&R?

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Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Polsi » 04.08.2017, 11:18

Anmerkung: Höchst interessant finde ich, dass ein 10-minütiger Luftaufenthalt weniger stressig ist als 9-stündiges Hältern!



6. Stressreaktion des Karpfens auf Angeln, Luftaufenthalt und Hälterung


Der Karpfen (Cyprinus carpio) gehört zu den wichtigsten Fischarten des Catch-and-Release-Trophäenangelns. Neben dem üblichen Angelstress ist damit auch ein bis zu 10 Minuten dauernder Luftaufenthalt (Messen, Wiegen, Fotografieren) vor dem Zurücksetzen verbunden. Der Aufenthalt an der Luft kann bei Fischen zum Kollabieren der Kiemenlamellen mit erheblichen Folgeschäden führen.

In einem kontrollierten Laborexperiment mit Teich-K2 wurde bei 12 und 22 °C untersucht, welche stressphysiologischen Auswirkungen (1) die Simulation des Angelvorgangs (drei Minuten), (2) Angelsimulation verbunden mit einem zehnminütigen Luftaufenthalt, (3) Angelsimulation und anschließende 9stündige Hälterung in einem „Karpfensack“ sowie (4) die Kombination aller drei Stressoren haben. Der Laborversuch wurde ergänzt durch einen vergleichbaren Freiland-Angelversuch in einem ostkanadischen See bei 18,3 – 23,1 °C, allerdings versuchsbedingt ohne Kontrollvariante.

Tab. 2-1 zeigt ausgewählte Ergebnisse des Laborversuchs, Tab. 2-2 Ergebnisse des Feldversuchs.

Bild

Tab. 2-1: Ausgewählte Ergebnisse des Laborversuchs

Bild


Der Luftaufenthalt führte nur zu einem moderaten zusätzlichen Stress. Beim Verhalten der Fische nach dem Zurücksetzen im Feldangelversuch waren die Auswirkungen aber deutlicher, z.B. eine um etwa ein Drittel geringere zurückgelegte Entfernung vom Aussetzungsort und eine um etwa ein Viertel längere Ruhezeit der Fische nach dem Aussetzen.

Die Differenzen bei den primären Stressparametern zwischen dem Labor- und dem Feldversuch können an der Zeitdauer zwischen Stressereignis und Blutentnahme oder auch an der Herkunft der Fische (deutsche Zuchtkarpfen vs. kanadische ausgewilderte Karpfen) liegen.

Verluste traten innerhalb von zwei Monaten nach den Versuchen nicht auf. Insgesamt haben die Versuche die praktische Erfahrung bestätigt, dass Karpfen sehr widerstandsfähig gegen Luftaufenthalte sind, v.a. bei niedrigen Temperaturen.

Das Messen, Wiegen und Fotografieren scheint für Karpfen weniger belastend zu sein als eine längere Hälterung auf engem Raum bei möglicherweise schlechter Wasserqualität. Das ist den Teichwirten schon seit Generationen bekannt!


RAPP, T. et al. (2014): Consequences of air exposure on the physiology and behavior of caught-and-released Common carp in the laboratory and under natural conditions. N. Amer. J. of Fish. Mgt. 34: 232 – 246.

Quellenangabe:
Stressreaktion des Karpfens auf Angeln, Luftaufenthalt und Hälterung
Quelle: Fischer und Teichwirt, 68.Jahrgang, Heft Nr. 05/17, Rubrik “Aus aller Welt”, Beitrag Nr. 6
Zuletzt geändert von Polsi am 04.08.2017, 11:48, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Sixpack » 04.08.2017, 11:36

Also ich habe Karpfen bereits nach einer Woche wieder gefangen - waren Fische mit eindeutigen Merkmalen.
Ich release meine Fische allerdings so schnell als möglich -also i.d.R. nach ca. 2-3 Minuten.
Lange Fotosessions sind da nicht drinnen - ist auch der Grund weshalb viele Fotos qualitativ nicht das Gelbe vom Ei sind.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Polsi » 04.08.2017, 11:42

Sixpack hat geschrieben:Also ich habe Karpfen bereits nach einer Woche wieder gefangen - waren Fische mit eindeutigen Merkmalen.
Ich release meine Fische allerdings so schnell als möglich -also i.d.R. nach ca. 2-3 Minuten.
Lange Fotosessions sind da nicht drinnen - ist auch der Grund weshalb viele Fotos qualitativ nicht das Gelbe vom Ei sind.


Nach einer Woche? Ich habe schon Fische am selben Tag nochmal gefangen!

Aber darum geht's ja eigentlich nicht. Mich erstaunt einfach, dass anscheinend die Hälterung das stressigste bei dem ganzen Vorgang ist.

D.h. wenn man ein Foto macht, wäre es eigentlich besser für den Fisch, sich etwas mehr Zeit mit den Selftakes zu lassen als zB ihn zu hältern und auf einen Fotografen zu warten.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon konfuzius6699 » 04.08.2017, 12:04

Dass es für den Fisch stressig ist ist klar, sein Organismus stellt sich ja auf einen Kampf auf Leben und tot ein, und dass er für die Flucht alle Kräfte mobilisiert.Dass er dann Ruhepause braucht um sich zu erholen ist logisch.Auch finde ich es kommt auf den Fisch an wie er kämpft, gibt welche die lassen sich wie ein Sack hereinziehen und welche die um jeden Millimeter Schnur bis zum letzten kämpfen.
Auch wann er gefangen wird spielt eine Rolle, Nachts bin ich der Meinung sind die Fische meist viel ruhiger, als im Vergleich zum Tag.

Für ein besseres Foto am Tag den Fisch über Nacht zu Hältern finde ich unnötig, auch das posieren für Fotos die dann oft nie mehr angeschaut werden sind auch nicht immer nötig.
Auch werden sie meist so gehalten dass der Fisch größer ausschaut als er ist...
Ich mache recht wenige Fotos hab ja meist Kamera laufen, wenn dann nur schnelle Schnapschüsse von größeren oder schön gemusterten Exemplaren auf der Matte mit Maßmarkierung für Größenvergleiche.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon konfuzius6699 » 04.08.2017, 12:14

Polsi warum die Hälterung mehr Stress ist ist auch irgendwie logisch, da der Fisch ständig Stresshormone ausschüttet,also dass er dann viel höhere Werte hat,er ist auf engen ungewohnten Raum eingesperrt, weiß ja nicht was kommt und ist immer Fluchtbereit und will da nur schnell weg wenns irgendwie möglich ist.
Wenn Menschen immer im engen Büro eingesperrt sind und nicht mehr können und weg wollen nenn man das Burnout.. So was hat dann der Fisch auch ...
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Polsi » 04.08.2017, 13:02

Mensch-Fisch-Vergleiche nehme ich aus Prinzip nicht ernst.

Dennoch überrascht es. Ich hätte eigentlich schon gedacht, dass der Aufenthalt in einem anderen Element, in dem der Fisch nicht atmen kann und quasi um Leben und Tod kämpft, stressiger ist als die Hälterung in "seinem" Element, wo er ja atmen kann, aber eben nicht einfach davonschwimmen.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon da_cesa » 04.08.2017, 13:18

@Polsi:
ich bewege mich auch quasi immer in meinem "Element" kann aber auch nicht davon so wie ich will. Richtig. ich bin verheiratet. :wink:

Spaß beiseite.
Bin ganz bei dir. Ich hätte auch gedacht, dass ein Luftaufenthalt für den Karpf schädlicher ist als die Hälterung. Aber wie vieles im Leben ist nicht alles logisch. ist dann aber trotzdem so.
lg
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon OHKW » 04.08.2017, 15:07

Wie auch immer das zu interpretieren ist....

Cortisol wird meines Wissens eher über die Nieren ausgeschieden als abgebaut, und das dauert halt.
Dass der Cortisol Level einfach mit der Dauer des Stress korreliert ist jetzt nicht so wild verwunderlich. Kann auch sein, dass der nach dem Release noch weiter ansteigt.

Also dass das Hältern automatisch stressiger ist kann man daraus jetzt nicht so simpel schlussfolgern.
Wenn man 10min Hälterung mit 10 min an der Luft vergleichen würde, hätte das eventuell mehr Aussagekraft diesbezüglich.

Was aber sowieso common-sense ist, ist dass man die Viecher generell so kurz wie möglich drangsalieren sollte.
Zum Schluss kommen jetzt wieder irgendwelche Spezialisten auf die Idee, das zum Anlass für Viertelstunde Photoshooting an der Luft zu nehmen, weil das Hältern ja ohnehin schädlicher sei.
Mann muss es sich selbst nicht unnötig schwer machen wenn man es genauso gut anderen unnötig schwer machen kann.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon konfuzius6699 » 04.08.2017, 15:49

Ich meine dass der Fisch an Land nicht gleich Atemnot hat und Weil er erstickt gestresst wird.
Denn was macht ein Fisch wenn imWasser kein Sauerstoff mehr ist, er schnappt an der Oberfläche nach Luft.
Für den Fisch wird es kritisch wenn eben die Kiemen trocken werden und verkleben...so ist es eben für den Fisch nur ungewohnt aus seinem Element zu sein und dass er eben instinktiv möglichst schnell in seine gewohnte Umgebung zurück will.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon ssnake14 » 04.08.2017, 16:33

Die Schwimmen seit gestern im Hälter , ist natürlich kein Vergleich zu einen Setztkescher , aber die sind total ruhig !
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon konfuzius6699 » 04.08.2017, 17:15

Ssnake, auch wenn sie sich ruhig Verhalten können Sie etwas gestresst sein.Sind in einem Karpfensack meist auch sehr ruhig.
Und so ein Behälter ist schon um einiges besser als ein Setzkescher oder Karpfensack.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon berger0109 » 04.08.2017, 17:43

Interressanter Bericht!

Ich finde das Hältern ohne tieferen Hintergrund mit wenigen Ausnahmen (Entnahme) prinzipiell als verwerflich.
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon koppenkitzler » 06.08.2017, 10:23

Polsi hat geschrieben:Mensch-Fisch-Vergleiche nehme ich aus Prinzip nicht ernst.

Dennoch überrascht es. Ich hätte eigentlich schon gedacht, dass der Aufenthalt in einem anderen Element, in dem der Fisch nicht atmen kann und quasi um Leben und Tod kämpft, stressiger ist als die Hälterung in "seinem" Element, wo er ja atmen kann, aber eben nicht einfach davonschwimmen.



Interessante Studie!

Doch sehe ich dabei,abseits vom Stresshormon Cortisol,bei dem der Zeitpunkt der Abnahme sicher wesentlich ist, auch etwas Anderes.

Vermehrter Lactatanfall ist Folge von Hypoxie(ganz unabhängig vom schwankenden Cortisolspiegel) und kann Organschaden bedeuten.

Und der ist nach der 10 minütigen Luftaufenthalt mit Abstand am höchsten.

So hat die Sache hier möglicherweise nicht so zum Stresshormonanstieg geführt(wurde das zum richtigen Zeitpunkt gemessen?),aber zum schädlichen Lactat und so möglicherweise auch zu Organschäden.

Vermehrter Lactatanfall ist jedenfalls auch Zeichen hypoxischer Zellschädigung,kann Zelluntergang bedeuten und somit Organschädigung bedeuten und darauf wird nicht eingegangen,obwohl es ja gemessen wurde.


Und ein Lactatanstieg(meistens einhergehend mit einem Ph Abfall,hier nicht gemessen) nach Hypoxie wie bei Atemstillstand(nicht anärobes Training,das wird immer durcheinandergewürfelt)kann Schlechtes bedeuten.

Ist nach Herzkreislaufstillstand(anhaltende Hypoxie) bei Menschen ein zwar unspezifischer,aber dann doch recht harter Marker,wenn er beträchtlich hoch ist.

So hat der Fisch zwar die Chose psychisch GEMESSEN eingermaßen gut überstanden, :D ,aber womöglich nicht physisch.

Und das ist bei Mensch und Tier sehr ähnlich,Nebenennierenhormon und Streßuntersuchungen(Adrenalin,Cortisol etca) haben wir früher auf der Uni bei Fröschen gemacht,weil es eben dem Menschen so ähnlich ist/war......


Noch etwas: Karpfen sind wir ja wissen wie z.B.auch Welse äußerst robuste Tiere,was Hypoxie anlangt.

Das Herausheben schwergewichtiger Fische mit den Händen(Zweipunkt) führt meines Erachtens zu Gewebsschäden,
möglicherweise der Gonaden bzw zu Schäden der Inneren Organe wie dem Gedärm.
Darüber gibt's halt (noch)keine Daten,aber das sagen viele und ich finde es plausibel.
Das Gewicht ist schuld.
Bin da keineswegs unschuldig,auch ich hebe hie und da Fische raus,seit einiger Zeit denke ich aber darüber nach und ich glaube,es ist nicht gut.
Vor allem bei großen,dicken,gewichtigen Fischen schlägt da der Isaac Newton zu.....
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Moosruecken66 » 21.08.2017, 10:13

Hallo Polsi!

Das Thema ist sehr interessant. Hast Du zufällig noch nähere Informationen zu dem "Hältern" bzw. dem "Karpfensack"??
War das wirklich der Sack (ohne Versteifungen, aus dem total weich und flexiblen Material) oder war das schon eine retainer sling, die ja doch etwas mehr Abstand zum Fisch hat?

Gruß

Moosrücken66
Ein Schiff liegt sicher im Hafen, aber dafür wurde es nicht gebaut. (chin. Sprichwort)
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Re: Wie gut verkraften Karpfen C&R?

Beitragvon Captain » 21.08.2017, 15:15

Bitte eine Frage:

C&R heisst doch catch and release, wozu also Hältern! Passt der Mondschein nicht, ist die die Sonne zu grell für das perfekte Foto?
L G, Klaus

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