Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

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Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 18.03.2020, 21:21

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Wir sind ja alle ganz brutal aus unserem beschaulichen, geordneten Leben gerissen-das gesamte Freizeitverhalten inklusive unseres geliebten Fischens hat sich dramatisch verändert, für nicht so wenige tauchen gar nicht kleine Existenzsorgen auf und für Ältere oder Kranke ist es ja überhaupt lebensbedrohlich. Und natürlich hoffen wir alle inständig, dass wir nach einiger Zeit diesen Albtraum überwunden haben werden.
Eine Geschichte von früher aus meiner Familie zeigt ebenfalls dieses beschauliche Dahinleben, jähes Herausgerissensein und später doch wieder Hoffnung und neues Glück-und a bisserl vom Fischen handelt sie auch !
Meine liebe Mutter ist „tief drin im Böhmerwald“ - frei nach dem sehr alten Volkslied - gleich nach Ende des Ersten Weltkriegs dort geboren worden und zwar ganz nahe dem kleinen Städtchen Friedberg (heute Frymburk), wo nun der riesige und schöne Lipnostausee ist, der ja Scharen von Anglern anzieht und den ja auch viele von euch kennen. Der Stausee ist fast 50 km² groß und-je nach Messung- auch fast 50 km lang. Damals allerdings gab es ihn noch nicht-erst 1960-, sondern die junge Moldau schlängelte sich hier dahin. Eingeweihte ortskundige Fischer legen heute besonders gern im ehemaligen Flussbett die Angel aus und suchen auch die überfluteten Gebäude, Straßen und Geländekanten.
Hier also, in der schon Jahrhunderte alten „Kadimühle“ ist sie aufgewachsen. Der Vater betrieb die Mühle, das kleine Sägewerk und die karge, beschwerliche Landwirtschaft. Er war ein lustiger Gesell, der gut Harmonika spielte und oft und gern im Wirtshaus und zu Hochzeiten aufspielte - die Arbeit in Haus und Hof blieb daher in großem Ausmaß seiner Frau, meiner Großmutter. Die beiden haben sich aber trotzdem recht gut verstanden, und neun fröhliche Kinder bevölkerten die Stube.
Und da war dann noch der Mühlbach, der das hölzerne Mühlrad antrieb. Er war ein Stück weiter aufwärts vom ursprünglichen Bach, dem Schwarzbach ( Cerny potok) abgezweigt, das heißt künstlich angelegt worden. Dieser Bereich war der Lieblingsort der fünf Buben, die hier fischten und das Bacherl „bewirtschafteten“. Die vorkommenden eher kleinen Forellen -die „rotpunktlaten“- fingen sie hauptsächlich mit Händen, leiteten auch manchmal das Wasser zum ursprünglichen Bach um, senkten so den Wasserstand und trieben sie in die Enge. Aber auch mit einfachsten Angeln stellten sie ihnen nach. Die meist spärliche Beute wurde umgehend „dem Verzehr zugeführt“, das heißt, gleich auf einem Feuerl gebraten.
Meine Mama erzählte mir, dass sie -auch die Mädchen - oft und gern versuchten, die reichlichst vorkommenden „Broatschädln“- die Koppen - zu erwischen, dies allerdings nur zum Spaß. Unter fast jedem Stein war eine drunter. Die wehrhaften Edelkrebse aber wurden eher in Ruhe gelassen.
Von Aalen erzählte mir Mama nichts, obwohl ja diese früher in der Moldau ganz weit aufgestiegen sind, bis in kleine Nebenflüsse und Bäche, vor allem hier in die Maltsch und auch in die Lainsitz im Waldviertel. Wahrscheinlich war hier in der Moldau die „Teufelsmauer“ (Cernova Stena) oberhalb Hohenfurth (Vyssy Brod) die Endstation, ein gewaltiger Abbruch von Steinblöcken, der die Moldau dort völlig verlegt. Und Lachse sind ja früher ebenfalls weit in die Moldau aufgestiegen aber wahrscheinlich damals sicher auch nicht mehr so weit.
Denn da war noch etwas! In Kienberg (Loucovice), einige km unterhalb der heutigen Staumauer, war damals schon eine große Papierfabrik mit angeblich 1500 Beschäftigten. Ob da in den angrenzenden Abschnitten unterhalb dann überhaupt Fische vorkamen ? Heute allerdings ist der gut 60 km lange Moldauabschnitt ab Loucovice bis fast Budweis reines Fliegenfischerrevier, hier wurde 2014 sogar die Weltmeisterschaft im Fliegenfischen abgehalten und 2018 die Europameisterschaft.
Mutter erzählte auch, dass die Buben manchmal im Schwarzbach größere Forellen sahen und mit wenig Erfolg versuchten, diese zu fangen. Vermutlich stammten diese aus der Moldau, in die das Bacherl ja bald mündete. Eigentlich müsste es auch Bachneunaugen gegeben haben, obwohl sie nichts davon erzählte. Wahrscheinlich haben sie diese geheimnisvollen Tierchen aber auch gar nicht bewusst wahrgenommen, da sie ja als Larven (Querder) so gut wie unsichtbar im Sediment leben und dann nach der Geschlechtsreife und dem Laichen sehr bald absterben.
So verlebten die Neun eine zwar bescheidene aber glückliche Kindheit. Und dann kam die Annexion durch die Nazis und der Zweite Weltkrieg. Die älteren vier Söhne kamen als Deutsche in die Wehrmacht und alle vier fielen in diesem schrecklichen Krieg oder waren als vermisst gemeldet und auch eine Schwester starb an den Folgen dieser unmenschlichen Zeit.
Die übrigen Mitglieder der Familie mussten sehr bald nach Kriegsende ohne alles ihre Heimat verlassen und retteten nur das Leben. Sie fanden in Oberösterreich und in Deutschland Unterschlupf und eine neue Bleibe . Die ersten Jahre waren sehr schwierig, doch es gibt heute wieder eine nicht kleine Anzahl an Nachkommen, die alle in der neuen Heimat gut Fuß gefasst haben.
Die Mühle wurde irgendwann aufgegeben und abgebrochen und das ganze Gebiet holte sich die Natur zurück, ein Wald entstand dort, wo früher Wiesen und Felder waren. 1968 - zur Zeit des Prager Frühlings - suchten wir zum ersten Mal diesen Ort auf, aber im Sommerdickicht und ohne „Herrn Google“ fanden wir den genauen Platz überhaupt nicht. Es kam auch dazu, dass wir uns damals gar nicht getrauten, da eine genauere Suche durchzuführen. Die Mühlenreste zu finden, gelang erst Jahre nach der „Wende“, nämlich 1996 . Da lag auch noch die große eiserne Mühlentransmission und beim Herumstöbern fanden wir neben zwei anderen Töpfen aus Blech dann auch einen großen, emaillierten Blechtopf, den wir mit nach Hause nahmen und unserer Mutter zeigten. „Ja, das war unser Milchtopf“, meinte sie sehr bewegt. Berührend und faszinierend war auch, dass da noch ein paar Ribiselstauden standen, die anscheinend fünfzig Jahre überdauert hatten.
Jetzt, noch einmal ein Vierteljahrhundert später, erinnern nur noch ein flacher Hügel und bemooste Gesteinsreste daran, dass da einmal etwas gewesen ist. Der zuführende Mühlbach allerdings, er ist völlig verschwunden. Ein teilweise mit Sickerwasser gefüllter Graben ist noch vorhanden und führt von der ehemaligen Mühle schräg abwärts zum Schwarzbach hin. Aber auch der ursprüngliche Bach führt recht wenig Wasser, warum weiß ich nicht. Allerdings glaubte ich doch, einmal eine dahinhuschende Forelle zu sehen.
Für uns ältere Nachkommen ist es auch heute noch ein Ort des Nachdenkens - wie schön wäre es, hier auf Besuch zu sein, die Natur zu genießen und im Mühlbach oder am Lipno fischen zu können. Der See ist vom ehemaligen Standpunkt der Kadimühle ja keine 500 m entfernt.
LG von Stefan(grusteve)




4)Die Mühle so um 1925-1928
3)..und das ist davon geblieben
2)Die Reste des von der Mühle wegführenden Mühlbaches-da war einmal ein Übergang über das Rohr
1)Der Rest eines Eisenreifens- vermutlich vom Leiterwagen auf Bild 2 stammend
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von Kaindlau » 19.03.2020, 09:25

Servus Stefan

Ich habe deine Geschichte noch gestern in der Nacht gelesen und das hätte ich nicht tun sollen, den ich konnte lange nicht einschlafen.
Einerseits spielen sicher die momentanen Ereignisse mit, andererseits denke ich mir was wir heute " durchmachen" müssen, ist nichts im Gegensatz zu den damaligen Verhältnissen.
Da ich dich ja persönlich kenne, macht die ganze Sache noch emotionaler, da auch meine Mutter aus Rumänien flüchten musste.
Gott sei Dank gibt es auch einen kleinen Bezug zur Fischerei, und das macht das Ganze dann doch "erträglicher".
Auf jeden Fall vielen Dank das du deine Erinnerungen aus dieser Zeit mit uns teilst.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 19.03.2020, 10:12

Danke Hans für deine lieben, bewegenden Zeilen !
Kaindlau hat geschrieben:
19.03.2020, 09:25
Da ich dich ja persönlich kenne, macht die ganze Sache noch emotionaler, da auch meine Mutter aus Rumänien flüchten musste.
Ich hoffe, du hast deine liebe Mutter viel gefragt, denn sie kann sicher auch vieles erzählen, was nicht vergessen werden sollte.
Ich komme immer mehr darauf, dass ich meine Eltern und andere Zeitzeugen zu wenig gefragt habe- besonders Fragen zu meinen zwei Herkunftsfamilien tauchen jetzt im Alter für mich auf-und keiner kann sie mehr echt beantworten.
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von Lupus » 19.03.2020, 10:38

Hallo Stefan, eine ganz wunderbare Geschichte in so traurigen Zeiten wie jetzt .
Das linderte für ein paar Augenblicke die großen Sorgen.
Am meisten hat mich berührt, dass Deine Mutter sogar den alten Milchtopf von damals wieder erkannt hat.

Interessant, wie das tschechische Wort potok für Bach dem ungarischen Wort patak ähnelt (die beiden a´s werden sehr dunkel, fast wie ein o ausgesprochen) . Obwohl das ja zwei überhaupt nicht verwandte Sprachen sind. Aber scheinbar wurden manche Begriffe wie "Bach" international behandelt. Auch das ungarische Wort "pisztráng" für Forelle oder "păstrăv" rumänisch ist sicher dem tschechischen Wort für diesen Fisch sehr ähnlich, obwohl alle drei Sprachen in keinster Weise verwandt sind (eine slawisch, eine ural-altaisch, eine romanisch)…..

Zu Mühlen und Mühlenbesitzerinnen habe ich ja bekanntlich in frühen Jahren eine gewisse Affinität gehabt :lol: .

Wußte nicht, dass die Mutter von Kaindlau aus Rumänien stammte. Ich habe wie manche wisssen , zu jenem Land eine sehr starke Beziehung und spreche auch die Sprache perfekt in Wort und Schrift.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 19.03.2020, 11:05

Lupus hat geschrieben:
19.03.2020, 10:38
Am meisten hat mich berührt, dass Deine Mutter sogar den alten Milchtopf von damals wieder erkannt hat.
Ja, und der ist auch noch vorhanden! Doch der Schwager, der keine so enge Beziehung zu der Sache besitzt, der hat ihn irgendwo "in der Hüttn verramt", -ich hätte ihn natürlich gern fotografiert.
Ein paar Topfreste aber habe ich sogar heuer noch im Jänner gefunden-wie du auf einem Foto siehst.

Ja und die Forelle ist in Tschechien die pstruh- das ist wirklich ähnlich dem Ungarischen oder dem Rumänischen- aber "Forelle" klingt für mich schon schöner und melodischer.
Lupus hat geschrieben:
19.03.2020, 10:38
Zu Mühlen und Mühlenbesitzerinnen habe ich ja bekanntlich in frühen Jahren eine gewisse Affinität gehabt .
Wir wissen Gerhard, wir wissen ! :lol: :lol: :lol:

LG

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von Kaindlau » 19.03.2020, 17:50

grusteve hat geschrieben:
19.03.2020, 10:12
Ich hoffe, du hast deine liebe Mutter viel gefragt, denn sie kann sicher auch vieles erzählen, was nicht vergessen werden sollte.
Ich komme immer mehr darauf, dass ich meine Eltern und andere Zeitzeugen zu wenig gefragt habe- besonders Fragen zu meinen zwei Herkunftsfamilien tauchen jetzt im Alter für mich auf-und keiner kann sie mehr echt beantworten.
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Natürlich habe ich früher oft nachgefragt warum und wieso usw.aber meine Mutter hat dann immer nur nachgedacht, war irgendwie abwesend, aber sagte nichts, absolut gar nichts.
Nur einmal noch gar nicht solange her hat sie mein Sohn also ihr Enkel so geschickt gefragt, und da ist es aufeinmal aus ihr herausgebrochen.
Das wurde aber dann so emotional das ich das ganze abgebrochen habe, den es waren keine schönen Worte und Sätze.
Seitdem wiegelt meine Mutter sofort ab, wenn nur irgendwie wieder die Rede davon sein könnte.

Das deckt sich übrigens mit meinen Beobachtungen bei den älteren Leuten, die die wirklich schreckliches erlebt haben, reden nicht darüber.
Im Gegensatz zu diesen Dampfplauderern die im Alleingang halb Russland überrannt haben, in Wirklichkeit sich aber in Frankreich eine Leberzirrhose und sämtliche Geschlechtskrankheiten eingefangen haben. :mrgreen:
Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 19.03.2020, 19:31

Kaindlau hat geschrieben:
19.03.2020, 17:50
Das wurde aber dann so emotional das ich das ganze abgebrochen habe,
Da hat dann deine liebe Mama sicher ganz Arges erlebt !
Direkt über die Vertreibung damals habe ich Mama eigentlich nie gefragt- und von ihr ist auch nie etwas gekommen- und das soll und muss auch ruhen.
Sehr wohl aber hat sie mir erzählt, wie sie vorher als Kinder und Jugendliche gelebt haben- da hat sie sogar ein kleines Büchlein darüber geschrieben.
Und über dieses teilweise schöne, bescheidene Leben und über ihre Eltern und Großeltern hätte ich sie doch noch mehr fragen sollen.
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von Lupus » 20.03.2020, 10:19

Nicht ganz ähnlich, aber ein wenig vergleichbar sind einige Erinnerungen, die meine Mutter an ihre Kindheit hatte, und wo ich am Anfang des never ending threads "Schwechatbach Infothread" einiges niederschrieb:

Meine Mutter wurde im Alter von 3 Jahren für einige Jahre zu "Zieheltern" (ein Onkel entfernteren Grades und eine angeheiratete Tante, beide kinderlos) geschickt, da meine Großmutter an TBC erkrankt war und in ein Sanatorium musste.

Dieses neue Zuhause meiner Mutter war die Baumschule in Albern (Albern, früher ein kleines Fischerdorf, heute Teil des 11. Wiener Gemeindebezirkes). Denn ihr Onkel war der Leiter dieser Baumschule.
Als ich ein Kind war, existierte diese noch. Und der Schwechatbach floss ganz unreguliert in weitem Bogen um diese Baumschule herum.

Ich sah das alles noch.

Heute, nach dem Bau der Südosttangente wurde das alles zerstört und auch der Schwechatbach bekam ein ziemlich nüchternes neues Bett.

Wenn Ihr beim Googlen "Albern" oder "Mannswörth" eingebt, müsstet Ihr alte Landkarten finden, wo man sogar die Baumschule und den unregulierten Schwechatbach sieht, der dort verschiedentlich andere Namen wie "Neubach" "Wildes Wasser" etc. trägt.

Und so wie Du, Stefan, begab ich mich auch jahrzehntelang später noch auf die Suche nach verbliebenen Spuren dieser Baumschule und des alten Schwechatbaches und tatsächlich sieht man parallel zur Alberner Hafenzufahrtstrasse noch einen vertrockneten Graben, wo alte Weiden stehen, die einst das beschauliche Flussufer bilden.

Ansonsten sind südlich davon nur mehr riesige Industrieflächen.
Nur an einer Stelle, wo ein paar Schrebergärten sind, fanden wir noch einen alten Teil der alten Ziegelmauer der Baumschule.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 20.03.2020, 12:37

Lupus hat geschrieben:
20.03.2020, 10:19
Meine Mutter wurde im Alter von 3 Jahren für einige Jahre zu "Zieheltern" (ein Onkel entfernteren Grades und eine angeheiratete Tante, beide kinderlos) geschickt, da meine Großmutter an TBC erkrankt war und in ein Sanatorium musste.
Das waren sicher sehr bewegende Schicksale- wahrscheinlich wäre deine Mutter viel lieber bei deiner Großmutter gewesen!
...und wie sich oft Schicksale von Kindern ähneln ! Mein lieber Papa kam schon als Säugling für ein paar Jahre auf Pflegeplätze, wo es ihm nicht immer gut erging. Die Großeltern mussten beide in der Landwirtschaft hart arbeiten und konnten sich daher nicht richtig um ihn kümmern. Erst als Opa vom Besitzer des Bauerngutes adoptiert wurde, begann auch für Papa die goldene Kindheit.
Lupus hat geschrieben:
20.03.2020, 10:19
Und so wie Du, Stefan, begab ich mich auch jahrzehntelang später noch auf die Suche nach verbliebenen Spuren
Ja, als ganz jungem Spund hat mich das alles nicht interessiert aber je älter ich werde, umso mehr interessiert mich das alles- ist wahrscheinlich ein ganz normaler Vorgang.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von Lupus » 20.03.2020, 18:11

grusteve hat geschrieben:
20.03.2020, 12:37



Das waren sicher sehr bewegende Schicksale- wahrscheinlich wäre deine Mutter viel lieber bei deiner Großmutter gewesen!
...und wie sich oft Schicksale von Kindern ähneln ! Mein lieber Papa kam schon als Säugling für ein paar Jahre auf Pflegeplätze, wo es ihm nicht immer gut erging. Die Großeltern mussten beide in der Landwirtschaft hart arbeiten und konnten sich daher nicht richtig um ihn kümmern. Erst als Opa vom Besitzer des Bauerngutes adoptiert wurde, begann auch für Papa die goldene Kindheit.

Bei meiner Mutter war es umgekehrt. Sie wollte nicht mehr zurück, als ihre Mutter (meine Großmutter) wieder als geheilt entlassen wurde.
Sie fühlte sich fremd und schließlich wurde es so arrangiert, dass sie die Wochenenden in Albern verbrachte bei ihren ehemaligen Zieheltern.

Und als Erwachsene, als ich zwar noch ein Kind war , aber wir einen Ausflug dorthin machten (1969 war alles noch so wie damals in den frühen 20er Jahren, das Verwaltungshaus der Baumschule, die großen Areale mit den in Reih und Glied gepflanzten Bäumen, der alte morsche Bretterzaun mit dem Türl zum Schwechatbach, und der Bach (eigentlich ein kleiner Tieflandfluss) in unregulierter Form. Ich habe das alles also noch gesehen.

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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von grusteve » 20.03.2020, 18:37

Lupus hat geschrieben:
20.03.2020, 18:11
Bei meiner Mutter war es umgekehrt. Sie wollte nicht mehr zurück, als ihre Mutter (meine Großmutter) wieder als geheilt entlassen wurde.
Sie fühlte sich fremd und schließlich wurde es so arrangiert, dass sie die Wochenenden in Albern verbrachte bei ihren ehemaligen Zieheltern.
Da haben beide Glück gehabt! Deine Mutter, weil sie bei wahrscheinlich liebevollen Pflegeeltern war und deine Großmutter noch mehr, weil sie TBC besiegen konnte, das war ja damals überhaupt nicht gesichert.
Ein Happy End !?
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von julius.b » 22.03.2020, 11:21

Stefan, vielen Dank fürs Mitnehmen auf die bewegende Reise in deine Familiengeschichte und wieder zurück in die Gegenwart.
Wie man sieht, ist die Fischerei bei dir ganz ganz tief verwurzelt.

Schönen Gruß
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von koppenkitzler » 22.03.2020, 17:41

Traumhaft schöne Nostalgie-Reise zum schwelgen!

Vielen lieben Dank lieber Stefan!
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Re: Auf den Spuren der Vorfahren-und des verschwundenen Mühlbaches

Beitrag von ubik » 22.03.2020, 18:04

Sehr interessante Familiengeschichte. Das waren noch andere Zeiten. Danke für die Geschichte.
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